hubertus von amelunxen 2010 deutsch


http://www.kawatches.com/ Jakob Jensen, der Lichtgänger

 

 
„(...) und von irgendwoher (...) kam taktmäßig pendelnd der schwache Widerschein eines Lichts in die Kammer geglitten, kam immer wieder, kam wie ein letztes Echo unendlichen Flutens, wie ein letztes Echo unendlicher Zeitabläufe, wie ein letztes Echo eines unendlich fernen Auges, so verloren, so gebrochen, so drohend vor  Ferne, so ferneträchtig, daß es gleichsam eine Aufforderung war, nach dem Bestand und Nichtbestand des eigenen Selbst zu fragen.“
Hermann Broch, Der Tod des Vergil, New York 1945
 
Es ist dunkel, und das Licht pendelt, hier in Jakob Jensens Salzau, es scheint zwielichtig von den Wänden, bescheint hängend und schattenträchtig wie im Büro der Investigation aus einem B-Movie der 1950er  Jahre, oder ist gesplittet und liegt zu Haufen gebündelt auf dem Boden, als wäre das Licht in Säcken reingeschleppt worden. Jakob Jensen sucht das Licht und seine Bewegungen im Zuge der Bildwerdung. Die Installation in Salzau umfasst zwei einzeln gehängte, grossformatige Photographien, elf zum Kreis gewandte Photogravüren und in den Räumen zu Haufen verteilte Holzsplitter. Die Photographien und Photogravüren sind an unterschiedlichen Orten in Dänemark und Deutschland entstanden, zumeist während der Nacht. Die Holzsplitter entstammen der Umgebung des Salzauer Herrenhauses, dem zu kleinen, Land umzäunenden Wällen, auch Knicks genannten, gehäuften Wurzel-, Strauch- und Baumwerk. Sie führen geformte und in ihre Elemente zerstobene Natur in die Häuslichkeit des Menschen zurück, bar jeden Wachstums und dem Ende zubestimmt. Jakob Jensen treibt das Holz zum Raum und das Licht zum Bild. Dazwischen formt sich ein Parcours künstlerischer Aufklärung. Gehen wir zunächst zwei Jahrhunderte zurück zu der Zeit, da das Licht nach dem prometheischen Feuer zum zweiten Mal domestiziert wurde, nicht als scheinendes und wärmendes, sondern verschienen und zum Zeitbild gerahmt.
 
Nie würde ein Sterblicher die Natur des Lichts aussprechen können, äußerte Goethe in einem Brief an Karl Friedrich Graf Reinhard im Jahr 1810, „und sollte er es können, so würde er von niemandem, so wenig wie das Licht, verstanden werden.“" Selbst der melancholischen Einsicht Goethes in das ewige Dunkel des Lichtes haftete noch ein polemischer Ton gegen seinen großen Widersacher Isaac Newton an. Er, Goethe, wisse, ganz sokratisch, nicht seine Unkenntnis, so doch seine Erkenntnis der unzulänglichen Einsicht in die Phänomene des Lichtes zu verstehen, ohne diese hinter einer säkularen, auf lauter Irrtümern gegründeten Theorie zu verbergen. Derart erfolgte eine Suche nach dem Verständnis des Lichtes vor genau zwei Jahrhunderten. In jenem Jahr 1810 erschienen auch die Nachgelassenen Fragmente des großen Physikers und Freundes von Novalis, Johann Wilhelm Ritter, in denen folgendes zu lesen war: „So ist die ganze Welt sich Auge, überall Retina und Lichtstrahl. Alles wird  gesehen, gewußt. Wer faßt es“ Und wenige Jahre später wird Hegel in seiner Enzyklopädie schreiben: „Das Licht ist die wirksame Identität, alles identisch zu setzen", die Nacht verhüllt in ihrem Dunkel „die absolute Möglichkeit von allem, das Chaos“, während das Licht die reine Form ist, die erst Sein hat in ihrer Einheit mit der Nacht. In der Helle des Tages, im Licht, gerät das Dunkel außer sich, es wird identisch nur mit Licht und in ihm aufgehoben. Dass Finsternis sich erst im Licht materialisiert, kann zugleich für das Wesen des Licht-Werdens in der Licht-Schrift gelten. Denn im photographischen Bild ist nicht nur Licht geworden, indem es die beschienenen, lichtstarken Objekte im Maße ihrer graduellen Abhebung vom Dunkel materialisiert, sondern auch Licht vergangenen, darin, dass die Bewegung des Lichts hin zu ihrer Materialisierung auf dem fotografischen Träger ein wenigstens vorläufiges Ende gefunden hat. Das Lichtbild selbst, die Photographie, umfasst die gegenseitige Entsprechung von Licht und Finsternis.

 
Wenige Jahre später, nach der Erfindung der Photographie, schrieb 1843 der Königsberger Gelehrte Ludwig Moser: „Das Licht war dazu da, damit es gesehen werde", Daguerre habe es gezwungen, sich auf eine bestimmtere Art und Weise, außerhalb des Auges, Kund zu geben“  und es werde nicht lange dauern, bis die jodierte Silbersplatte an die Stelle des Auges treten werde. Und in seiner wirklich lesenswerten Schrift mit dem Titel Über den Prozess des Sehens und die Wirkung des Lichtes auf alle Körper von 1842 folgert Ludwig Moser: „Also müssen wir bei unseren Untersuchungen uns von diesem Auge unabhängig machen, mit deren Angaben die Finsternis so wenig erhellt würde, dass man vielmehr sagen muss, es ist das Auge, durch welches dieser Zustand von Finsternis recht eigentlich der Natur angedichtet wird.“ Alles also ist Licht, nur das Auge vermag es nicht zu fassen. In Jakob Jensens Arbeiten erfasst die photographische Optik das Licht, verfremdet den Raum oder doppelt die Erscheinungen.

 
Das 20. Jahrhundert war maßgebend durch Einsteins Relativitätstheorie und Heisenbergs Unschärferelation bestimmt. Die Lichtgeschwindigkeit ist für die menschliche Existenz eine bedeutende Größe insofern, als sie den Menschen in Relation zu Raum und Zeit stellt. So spricht Paul Virilio von einer Umbenennung des Zeitmaßes, der Chronologie in eine Chronoskopie: „Die Zeitordnung der Abfolge im Sinne von Leibniz wird mit Einstein Ordnung der Exposition, sie wird zum Repräsentationssystem einer physischen Welt, in der Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit zu miteinander verbundenen Figuren der Unterbelichtung, der Belichtungen und der Überbelichtung werden.“ Die Lichtgeschwindigkeit wird heute mit ungefähr 300.000 km in der Sekunde gemessen. Und mit dieser, tatsächlich dem bloßen Auge nicht sichtbaren Geschwindigkeit, werden im CERN in Genf die Teilchen durch zwei Röhren auf einer Länge von 27 km durchgeschossen, und dies in einem atmosphärenfreien Raum. Die Grundfrage in Genf lautet, wie können wir die Energie erreichen, die hoch genug ist, um die Bedingungen zu Beginn des Universums zu erzeugen? Nun sind weder der Künstler, Jakob Jensen, noch sein sprachlicher Begleiter in dem Wissen der Quanten-Physik bewandt genug, um an dieser schier unvorstellbaren Beschleunigung von Materie in Genf anderen als zuvörderst metaphysischen Anteil haben zu können. Beklagen die einen, dass Geschick der Welt nun in Genf in den Händen von Physikern und Bürokraten zu sehen, deren experimentierfreudiger Wissensdrang die Welt in einem schwarzen Loch zum Verschwinden bringen könnte, so delirieren die anderen, auf der Suche nach dem „göttlichen Partikel“ das ganze Wissen um den Bestand dieser Welt auf den Kopf stellen zu können.
Mit seinem Titel, Large Image Collider, gibt Jakob Jensen eine Fährte vor, dem Large Hadron Collider im Centre de Recherche Nucléaire, dem CERN in Genf nachempfunden. Jakob Jensens Salzau ist eine poetisch künstlerische Befragung des Lichts, in ihrem Scheinen changierend zwischen dem prometheisch domestizierten Feuer, dem rasenden Stillstand (Paul Virilio) der 0,00009 Sekunden, welche die Partikel benötigen, um eine Umlaufbahn der 27 Kilometer zu absolvieren und der bewegt einhaltenden Geste des Künstlers, der, wie einst Caspar David Friedrich die Schollen des Eismeers malte, in Salzau Schnitzel gehackten Holzes aufeinander schüttet und überhaupt Innen und Außen, wie einst Walter de Maria, verkehrt. Nun verfolgt Jakob Jensen keine Land Art, noch, trotz Anleihen, ist er dem romantischen Ansinnen einer verlorenen Versöhnung mit der Natur verbunden, eher bedenkt er mit den Materiehaufen und den Lichtbildern unsere versetzte, zu kleinen Stücken verschleppter Ewigkeit zersplitterte Anschauung der Natur. Mit der Photographie wurde dem Auge die Anschauung genommen, das hatte der Königsberger Gelehrte Ludwig Moser früh formuliert, deutlicher und klarer als je zuvor tritt das Unsichtbare oder dem Blick Unwegbare hervor, nur wird es dem Menschen als fait accompli, vollendet und für jenen Augenblick unwandelbar präsentiert, als ein verschienenes Licht eben, dem wir uns nur noch ästhetisch annähern. Lichtjahre, zu Bruchteilen von Sekunden verdichtet, hängen hier an den Wänden. Die Bilder und kreatürlichen Niederschläge im Raum vereinen sich zu einer kleinen Kosmogonie, die im Augenaufschlag den Ursprung des Kosmos, zwischen Hell und  Dunkel, Ankunft und Abschied, vollzieht. Darin liegt eine auch dem Dilettanten verständliche und den Wissenden Furcht eintreibende Frage der Physiker im CERN, in welchem Maße das schwarze Loch Materie absorbiere oder verliere, Ursprung und Ende also zusammen fallen könnten? Mit elf Fotogravüren verfolgt Jakob Jensen scheinbar eine Bewegung des Lichtes, architektonisch nachempfunden dem Dodekagon (Zwölfeck) des Large Hadron Collider im CERN. Auf Kupferdruckpapier ist Licht gebrochen, Licht, wie Hegel es beschrieb, von Finsternis durchdrungen, in der Einheit mit der Nacht. Auch die beiden großformatigen Photographien, Dipper und Premature Sunrise, tauchen das Licht ins Dunkel – beide sind Auflösungen im vielfachen Sinn – Disseminationen des natürlichen und des technologischen Raums, zu Pixeln zerstäubte Horizonte.
 
Ein großer Landsmann von Jakob Jensen, Søren Kierkegård, notierte den 15. April 1834: „Man braucht immer ein Licht, um ein anderes bestimmt zu sehen. Denn dächte man sich alles ganz dunkel und nur einen Lichtpunkt, so würde man gar nicht bestimmen können, welcher es wäre, da man ja im Dunkeln kein Raumverhältnis bestimmen kann. Erst wenn noch ein Licht dazukäme, würde man den Ort des ersten im Verhältnis zum anderen bestimmen können.“ Jakob Jensen nimmt den Gedanken der hellen Vielfalt auf, schaut und lässt ins Dunkel schauen, um die unfassbare Bewegung der energetischen Schübe des Lichts still in die Räume von Salzau einkehren zu lassen.
 
Hubertus von Amelunxen

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